Folge 3 - Sprache

Sprechen wir
noch dieselbe
Sprache?

Eine Professorin und Influencer „0Cbee" diskutieren über Jugendwörter, Gendersprache und Respekt. Einig sind sie sich bei einem Thema, bei dem man das am wenigsten erwartet hätte.

Von Hanna Schabacker, Celina Chasklowicz und Ria Michel

Heutzutage sei das Wort „Du Hurensohn“ halt einfach so gesagt wie „Du Arschloch“, sagt Constantin Boese. Fragend entgegnet Uta Seewald-Heeg: „Aber braucht man das?“ Als Leser fragt man sich jetzt vielleicht: Normalerweise haben solche Kraftausdrücke doch nichts in der Zeitung zu suchen, oder Doch die dritte Folge des Gesprächsformates „Sag Du Mal“ beschäftigt sich mit eben diesem Thema: Sprache. Auch dieses Mal ging es um Reizthemen zwischen den Generationen, darunter Gendersprache, Jugendwörter und Respekt. Und eben auch um Schimpfwörter.

Die Frage, wie die Generationen mit Sprache umgehen sollen, erscheint auf den ersten Blick nicht als eine existenzielle. Dabei geht es weder um Geld noch um politische Entscheidungen, und doch bildet sie die Basis unseres Zusammenlebens.

Professorin und TikTok-Star

Uta Seewald-Heeg, Professorin für Softwarelokalisierung und Übersetzungstechnologie an der Hochschule Anhalt in Köthen sowie Vorsitzende des Sprachvereins „Neue Fruchtbringende Gesellschaft“, beschäftigt sich nicht nur privat mit der deutschen Sprache. Gegenüber sitzt ihr Constantin Boese, auf sozialen Medien auch bekannt als „0CBee“. Als regionale TikTok-Berühmtheit mit junger Zielgruppe weiß er aus Erfahrung, wie junge Menschen beim Thema Kommunikation so ticken. Im Gespräch wird klar: Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein, sind sich jedoch in vielen Punkten gar nicht so uneinig. Da unsere Protagonisten sich auf das „Du“ geeinigt haben, nennen wir die beiden folgend auch nur mit dem Vornamen.

Im Spiel „Flagge zeigen“ sollen Uta und Constantin reagieren: In einem Song fällt mehrfach das Wort „Hurensohn“. Die 64-Jährige hebt die rote Flagge. Der 20-Jährige bleibt gelassener und zeigt Grün. Ein Konflikt, der sich durch das ganze Gespräch zieht: Nicht ob Sprache Grenzen hat, sondern wo diese verlaufen und wer sie festlegt.

Wo ist die Grenze?

Laut dem Online-Magazin hiphop.de soll der deutschsprachige Rapper Capital Bra rund 580 verschiedene Schimpfwörter in seinen Songs verwendet haben. Uta muss nicht lange überlegen. Wenn sie eine Zeile wie „Ich fick dir dein Leben“ höre, fühle sie sich abgestoßen. „Es ist auch so, dass ich es durchaus verletzend empfinde“, sagt sie. Auch wenn man das unter künstlerischer Freiheit verbuchen könne, bleibe für sie die Sorge, dass Sprache „in gewisser Hinsicht verroht“.

Constantin widerspricht nicht grundsätzlich, aber er verschiebt den Maßstab. In der Musik seien viele Begriffe nicht als konkrete Beleidigung gemeint, sondern als „stilistisches Mittel“. Auch in seinen eigenen Videos setze er manchmal bewusst derbere Sprache ein: um Aufmerksamkeit zu erzeugen und Reichweite zu steigern.

Am deutlichsten wird der Unterschied beim Wort „Hurensohn“. Unter Freunden, sagt Constantin, könne es fallen, ohne dass es als Angriff gemeint sei. Während er das erklärt, gerät er selbst ins Nachdenken. Eigentlich beleidige das Wort ja die Mutter eines Menschen. Und klar sei auch: Zu einem Fremden würde er es nie sagen.

Du oder Sie?

Überraschend einig sind die beiden sich beim Siezen oder Duzen. Constantin erzählt, dass er Uta beim ersten Kennenlernen zunächst gesiezt habe. „Weil ich das gelernt habe und weil das Respekt gegenüber älteren Leuten bedeutet“, erklärt er. Die Sprachwissenschaftlerin sieht das ähnlich, formuliert es aber als klare Regel. Für sie ist das „Sie“ im Erstkontakt der Normalfall, das „Du“ ein Zeichen von Nähe.

Gerade hier zeigt sich, beide legen Wert auf Respekt. Sie unterscheiden sich vielmehr darin, woran sie ihn festmachen. Vielleicht sprechen die Generationen also gar nicht respektloser miteinander. Aber sie sprechen über Respekt nicht mehr in derselben Sprache.

Do you speak English?

Beim Thema Sprache geht es auch um Verständlichkeit. Im Gespräch wurden Uta und Constantin vier Wörter vorgelesen, die als Jugendwörter und vier, die als veraltet gelten. Der Test zeigt: Beide wissen doch recht wenig über den Wortschatz des anderen. So verwirrt vor allem das Wort „Schere“, das in den letzten Jahren von Jugendlichen mit einer neuen Bedeutung versehen wurde. Hat man etwas falsch gemacht, antwortet man mit „Schere“ und meint damit so viel wie „Entschuldigung, das war meine Schuld“.

Auffällig ist, dass dieses Wort, anders als „cringe“, „lit“ oder „flex“, eines der wenigen deutschsprachigen Jugendwörter ist. Denn Anglizismen gehören zum täglichen Sprachgebrauch, wie etwa „Meeting“, „Feedback“ oder „Deadline“. Für viele Menschen, betont Uta, entstehen durch eine Sprachbarriere große Hürden, wodurch sie sich abgehängt fühlen könnten. „Für mich hat das etwas mit Teilhabe und demokratischem Miteinander zu tun.“

Gendern oder nicht?

„Die ältere Generation muss sich nicht unbedingt anpassen“, meint Constantin und stimmt der Forderung grundsätzlich zu, darauf zu achten, alle Menschen im Sprachgebrauch mit einzubeziehen. Auch hier schwebt die Frage im Raum: Wer soll sich eigentlich wem anpassen? Diese Frage stellt sich auch beim Gendern. Obwohl die geschlechtergerechte Sprache immer wieder heiß diskutiert wird, waren sich Constantin und Uta auch in diesem Punkt einig.

In der zweiten Runde „Flagge zeigen“ sollten sie folgende Aussage bewerten: „In einer Rede wird konsequent gegendert.“ Uta zeigt die rote Flagge. Constantin sieht das eher positiv, aber: „Ich persönlich gendere in meinen Videos nicht, weil ich finde, es gibt noch eine große Mehrheit, die nicht gendert.“ Wenn jemand von ihm verlangt, zu gendern, würde er das aber machen. „Damit sich die Person auch respektiert von mir fühlt.“

Uta sieht das ähnlich. Die 64-Jährige findet: „Jeder sollte selbst entscheiden.“ Sie ist nicht für Verbote oder Vorgaben, betont aber: „Ich habe an vielen Stellen den Eindruck, dass es den Sprachfluss stört, wenn man gegenderte Formen verwendet.“ Texte würden dadurch komplizierter. Trotzdem versuche sie – ähnlich wie Constantin – denen, die auf das Gendern bestehen, gerecht werden.

Wer passt sich wem an?

Einheitliche Regelungen, ob und wie gegendert wird, gibt es in Sachsen-Anhalt nicht. An Schulen gibt es ein Verbot von Gendersprache mit Sonderzeichen, an Hochschulen, die der Wissenschaftsfreiheit unterliegen, nicht. Mitarbeiter der öffentlichen Verwaltung sind angehalten, die weibliche und männliche Form oder geschlechtsneutrale Formulierungen zu verwenden, aber keine Sonderzeichen.

Dass Uta und Constantin sich weitestgehend einig sind, zeigt, dass die Debatte um die Gendersprache nicht rein zwischen Jung und Alt geführt wird. Trotzdem besteht eine klare Tendenz. Laut einer repräsentativen Umfrage von YouGov (2023) lehnen 63 Prozent der über 55-Jährigen in Deutschland das Gendern vollkommen ab. Bei den 18- bis 24-Jährigen sind es nur 27 Prozent. Beim auf den ersten Blick kontroversesten Thema gab es im Gespräch zwischen Constantin und Uta also am meisten Übereinstimmung.

Bei der Sprache scheint die Kluft zwischen den Generationen überwindbar, denn im Gespräch ist zwischen Uta und Constantin immer wieder Zustimmung zu spüren. Beide sind sich einig: Kommunikation und Annäherung zwischen Alt und Jung kann nur mit Respekt und einem gewissen Maß an Empathie gelingen. Die Art, wie wir kommunizieren, ist schließlich die Grundlage für alle gesellschaftlichen Diskurse, die uns beschäftigen. Offen bleibt am Ende die Frage der Anpassung. Welche Generation setzt die Standards? Wer muss sich wem anpassen? Und muss sich überhaupt eine Generation der anderen anpassen?

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