Schwabe spricht sich für einen flexibleren Einsatz von Personal aus, um zum Beispiel in sozialen Brennpunkten mehr Erzieher einsetzen zu können. Bedarfsplanungen für Kitas gelängen in der dynamischen Lage „zunehmend schlechter“. Doch der Personalschlüssel ist im Land gesetzlich festgelegt. Tan sieht verpasste Chancen: „So viel Personal, weniger Kinder. Jetzt könnten wir einen Betreuungsschlüssel von 1 zu 3 schaffen. Das wäre doch toll.“ Wäre es, sagt Schwabe. „Aber Personal kostet Geld. Und da haben wir die Antwort.“
Folge 2 - Erziehung
Vom Abgeben
zum Begleiten
Zwei Generationen, zwei Erfahrungen: Eine in der DDR ausgebildete Erzieherin und eine heutige Mutter sprechen über Kita-Alltag und Eingewöhnung. Dabei geht es um einen Moment, der viele Eltern verunsichert und der zeigt, wie sehr sich Erziehung verändert hat.
Es ist ein Moment, der sich eingebrannt hat. „Ich spüre das heute noch körperlich“, sagt Elke Schwabe. Die 70-Jährige erinnert sich an den Tag, an dem sie ihre einjährige Tochter in der DDR im Kindergarten abgeben musste. Die Tür fällt zu, das Kind schreit dahinter. Sie steht draußen und muss gehen. „Es war einfach ganz, ganz furchtbar. Eine schreckliche Zeit.“ Julie Tan kennt dieses mulmige Gefühl des Loslassens. Wenn sich ihr Sohn morgens nicht lösen konnte, habe sie sich bewusst Zeit genommen. Doch genau das sei bei einigen Erziehern nicht auf Verständnis gestoßen. „Morgens hieß es dann: ,Jetzt machen Sie das schnell, sagen Sie schnell tschüss’“, erinnert sich die 39-Jährige.
Beide Frauen erzählen von ihren Erfahrungen, wie Kinder in den Kindergärten abgegeben und betreut werden. Und sie erzählen auch davon, dass sich Eltern und die Betreuung der Jüngsten in den Jahrzehnten verändert haben. Genau diese Gegensätze greift das Projekt „Sag Du Mal“ auf. 21 Nachwuchsjournalisten von Mitteldeutscher Zeitung und Volksstimme bringen dafür Menschen aus unterschiedlichen Generationen an einen Tisch, um Perspektiven sichtbar zu machen.
Zwei Sichtweisen
Julie Tan, 39, stammt aus Halle, lebt in Brandenburg und ist Mutter von zwei Kindern im Grundschulalter. Als Content-Creatorin erreicht sie auf Instagram unter dem Namen „cocolie.brokkoli“ hunderttausende Menschen. Sie steht für eine bedürfnisorientierte Erziehung mit klaren Grenzen.
Elke Schwabe, 70, bringt eine andere Perspektive mit. Sie stammt aus Weißenfels (Burgenlandkreis) und lebt heute in Halle. In der DDR zur Erzieherin ausgebildet, leitete sie später große Einrichtungen und engagierte sich im Stadtrat sowie im Jugendhilfeausschuss (Fraktion Mitbürger). Sie kennt Praxis und Strukturen gleichermaßen.
Beide kennen die Klischees über ihre Generationen: Ältere kritisieren, Kinder stünden heute zu sehr im Mittelpunkt und Eltern mischten sich zu stark ein. Jüngere sehen frühere Erziehung dagegen oft als zu distanziert. Kinder hätten funktionieren müssen, ihre Bedürfnisse seien zu kurz gekommen.
Elternrolle im Umbruch
Schwabe stellt fest: Das Verhältnis zwischen Eltern und Kitas hat sich deutlich verändert. Helikopter-Eltern, also überfürsorgliche Eltern, habe es in der DDR nicht gegeben. Nicht aus Desinteresse, sondern weil es keine Möglichkeit gegeben habe. „Da war eine Tür, da standen die Eltern davor.“
Heute ist das anders. Eltern begleiten die Eingewöhnung und erleben, wie ihr Kind ankommt. Für Schwabe ist das zunächst ein Fortschritt. „Manche Kinder sind nach 14 Tagen eingewöhnt. Wir haben Kinder erlebt, die brauchten sechs Wochen“, sagt die 70-Jährige. Und sie ist überzeugt: „Wenn es eine gute Eingewöhnung gab, gibt es eine Versicherung, dass es eine gute Kindergartenzeit wird.“
Doch mit der Öffnung wachsen auch Anforderungen an die Pädagogen: „Eltern hatten manchmal den Einfall, wir sollten Videokameras in die Gruppenräume bringen“, sagt die ehemalige Kita-Leiterin. Auch für Julie Tan ist hier eine klare Grenze erreicht. Kameras lehnt sie ab. Gleichzeitig möchte sie mehr Verständnis für die Perspektive von Eltern schaffen. Nicht jede intensive Begleitung sei gleich „Helikopter“. „Es ist sehr subjektiv, wo es denn anfängt und wo es aufhört“, sagt sie. Ihr Blick darauf ist auch persönlich geprägt. Sie beschreibt ihr Kind selbst als eher introvertiert.
Druck im Kita-Alltag
Das zeige sich auch im Alltag, etwa beim morgendlichen Abschied. An manchen Tagen habe sich ihr Sohn nur schwer lösen können. Statt sich schnell zu verabschieden, wie es teilweise von den Erziehern erwartet wurde, habe sie sich bewusst Zeit genommen. Gleichzeitig habe Tan gespürt, wie solche Momente von einigen Pädagogen bewertet werden: „Mit so einem leichten: ,Naja, kein Wunder, dass das Kind nicht loslassen kann.’“
Genau an diesem Punkt setzt Elke Schwabe an. Sie widerspricht nicht grundsätzlich, sagt jedoch: Kinder bräuchten Zeit, aber eben nicht unbegrenzt. „Man kann Kindern irgendwann verdeutlichen: Jetzt geht da drin was los für dich.“ Für sie gehört das auch zur Vorbereitung auf das, was später kommt. „Dann kommt das leidige Thema Schule und dann ist eben halb acht Unterrichtsbeginn.“
Die gestiegenen Erwartungen zeigen sich besonders beim Thema Vorschule. Julie Tan beschreibt ihre Irritation, wenn Übungsblöcke aus der Kita leer zurückkommen. Gleichzeitig sieht sie die Realität in den Einrichtungen: „Ich habe gespürt, wie überlastet die Erzieherinnen waren.“ Schwabe widerspricht der Vorstellung vom Lernen am Tisch: „Ein Kind lernt im Spiel, eigentlich den ganzen Tag ununterbrochen.“
Entlastung bleibt aus
Viele Konflikte haben eine Ursache: die Rahmenbedingungen. Früher habe sie sich um einen Kita-Platz bewerben müssen, sagt Tan. Inzwischen hat sich die Situation gedreht, es gibt weniger Kinder. Entsprechend sinkt auch die Zahl der betreuten Kinder: Waren es am 1. März 2015 noch 79.434 Kinder unter sechs Jahren, sind es zehn Jahre später 74.104 und damit mehr als 5.000 weniger.
Eigentlich müsste das zu Entlastung führen. Doch genau das bleibt aus. Laut dem Ländermonitor Frühkindliche Bildung der Bertelsmann Stiftung werden rund 90 Prozent der Kinder in Sachsen-Anhalt weiterhin nicht unter empfohlenen Personalschlüsseln betreut. Für Carsten Sievers von der GEW Sachsen-Anhalt ist die Lage eindeutig: „Die Zustände in den Kitas sind prekär.“ Fachkräfte könnten ihrem Anspruch oft nicht gerecht werden. „Planung, Förderung und Elterngespräche kann man nicht nebenbei machen.“ Viele arbeiteten am Limit.
Die Politik versucht gegenzusteuern. Mit dem Programm „Kita Stabil“ stellt das Land 2026 zusätzliche 26,6 Millionen Euro bereit, um das Kita-Netz trotz sinkender Kinderzahlen zu sichern. Zudem sind Mittel für 389 zusätzliche Stellen vorgesehen, bis 2027 sind es 528. Ein Sprecher des Sozialministeriums Sachsen-Anhalt betont, man wolle „gut ausgebildete Fachkräfte halten“ und „Fehler wie bei der Lehrkräfteausbildung nicht wiederholen“.
Ministerium widerspricht
Doch die strukturellen Probleme bleiben, sagt Sievers. Sinkende Kinderzahlen führten weiterhin dazu, dass Personal abgebaut oder versetzt werde, obwohl gleichzeitig der Anspruch wachse, Kinder individueller zu begleiten. Besonders in sozialen Brennpunkten werde dieser Widerspruch sichtbar. Und auch Elke Schwabe sagt: „In solchen Einrichtungen brauche ich deutlich mehr Personal.“
Hinzu kommt ein weiteres Problem: Fachkräfte verlassen das Bundesland. „Viele gehen in den Westen, weil dort die Bedingungen besser sind“, sagt GEW-Vertreter Sievers. Höhere Bezahlung und bessere Betreuungsschlüssel würden andere Bundesländer attraktiver machen. Das Sozialministerium hingegen sieht keine Abwanderungswelle.