Folge 1 - Wehrdienst
Zwischen
Freiheit und
Pflicht
Zwei Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: ein Offizier der Bundeswehr und ein Schüler sitzen sich gegenüber und sprechen über den neuen Wehrdienst.
Man gewinnt zusammen, verliert zusammen, man heult zusammen“, sagt Alexander Helle (46) über die Kameradschaft, die ihn die Bundeswehr lehrte. „Ihr seid ein eingeschworener Haufen und steht füreinander ein. Das ist Kameradschaft.“ Seit 25 Jahren ist Helle bei der Bundeswehr. Der Hauptmann und Personaloffizier ist aktuell in Gardelegen stationiert.
Abiturient Toni Pitschmann (18) aus Hakenstedt widerspricht dem erfahrenen Hauptmann: „Ich glaube, das kann man auch anders lernen.“ Vor dem Erhalt des Wehrerfassungsbogens, kurz nach seinem 18. Geburtstag im Januar, hatte er noch nie Kontakt zur Bundeswehr. Er wünscht sich, dass dies auch so bleibt. In diesem Moment stehen sich zwei verschiedene Generationen mit völlig unterschiedlichen Sichtweisen gegenüber.
Der neue Wehrdienst
Der Offizier und der Schüler wurden von Volontären der Volksstimme und Mitteldeutschen Zeitung an einen Tisch gesetzt. Der Hintergrund: Jedes Jahr dürfen die Volontäre der beiden Medienhäuser ein Projekt entwickeln. In diesem Jahr riefen die Nachwuchsjournalisten „Sag Du Mal! Generationen im Gespräch“ ins Leben. Ein Talkshow-Format, bei dem in sieben Folgen ältere und jüngere Personen debattieren können.
Zwischen dem Berufssoldaten und dem Schüler herrscht beim Dreh der ersten Folge Spannung. Im Mittelpunkt steht der kontrovers diskutierte Neue Wehrdienst der Bundeswehr.
Im vergangenen Jahr wurde mit dem Wehrdienst-Modernisierungsgesetz ein neues Konzept eingeführt. Seit Anfang 2026 bekommen so junge Menschen in Deutschland einen Erfassungsbogen. Kurz nach ihrem 18. Geburtstag. In dem Fragebogen werden Interesse an einem Wehrdienst sowie Informationen zu Körpergröße und Fitness abgefragt. Allein in diesem Jahr erhalten in Sachsen-Anhalt rund 17.500 Volljährige Post von der Bundeswehr. Männer sind verpflichtet, zu antworten. Wird das Schreiben ignoriert, wird ein Bußgeld von 1.000 Euro riskiert. Für Frauen ist die Beantwortung freiwillig. Das Recht auf Kriegsdienstverweigerung bleibt bestehen.
Bundeswehr in Zahlen
In Sachsen-Anhalt sind derzeit 4.310 Soldaten und 810 Soldatinnen im Dienst (Stand: 31. März 2026).
In den vergangenen Jahren stiegen die Einstellungszahlen der freiwillig Wehrdienstleistenden bundesweit deutlich an:
- 2023: 9.660
- 2024: 9.780
- 2025: 12.160
Mindestens sechs Monate verbringen Wehrdienstleistende in der Truppe. In dieser Zeit werden sie zu Wach- und Sicherungssoldaten ausgebildet. Wer sich länger verpflichtet, erhält anspruchsvollere Aufgaben und Spezialisierungen.
Das Grundgehalt beträgt derzeit rund 2.600 Euro brutto.
Bis 2035 soll die Bundeswehr auf rund 260.000 aktive Soldaten und 200.000 Reservisten anwachsen. Ab Juli 2027 sind zudem verpflichtende Musterungen geplant, die mit allen Männern des Jahrgangs 2008 starten. Wie eine Sprecherin der Bundeswehr mitteilt, konnten schon erste Musterungen und Eignungstests von Freiwilligen durchgeführt werden. Außerdem seien Interessierte für konkrete Verwendungen eingeplant worden.
Der Wehrdienst selbst bleibt weiterhin freiwillig. Dennoch sorgt das neue Gesetz für Unmut in der Bevölkerung. Bei der bundesweiten Aktion „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ im Dezember und März demonstrierten zehntausende Schüler in ganz Deutschland.
„Immenser Eingriff“
Im Kern geht es auch um eine grundlegende Frage: Wie weit darf der Staat gehen? Für Pitschmann wurde ganz klar eine Grenze überschritten. „Ich will nicht mit einer Waffe umgehen müssen“, sagt er. Sein Lebensweg sei ein anderer. Der Hauptmann sieht das anders. Für ihn steht die Verantwortung gegenüber dem Land und der Gesellschaft im Vordergrund. „Das hohe Gut der Freiheit muss geschützt und verteidigt werden“, sagt Alexander Helle. Es bräuchte dringend Menschen, die bereit seien, dafür einzustehen.
Beim Neuen Wehrdienst ist kein Zivildienst vorgesehen, da er freiwillig ist. Einen Ersatzdienst gibt es somit nicht. Doch selbst wenn eine Zivildienst-Option bestünde, wäre Toni Pitschmann dagegen. Die individuelle Lebensplanung dürfe nicht einfach unterbrochen werden, findet der Schüler. Er selbst möchte Lehrer werden und keine Zeit auf dem Weg zu diesem Ziel verlieren.
Pflicht oder Verantwortung
Im Kern geht es auch um eine grundlegende Frage: Wie weit darf der Staat gehen? Für Pitschmann wurde ganz klar eine Grenze überschritten. „Ich will nicht mit einer Waffe umgehen müssen“, sagt er. Sein Lebensweg sei ein anderer. Der Hauptmann sieht das anders. Für ihn steht die Verantwortung gegenüber dem Land und der Gesellschaft im Vordergrund. „Das hohe Gut der Freiheit muss geschützt und verteidigt werden“, sagt Alexander Helle. Es bräuchte dringend Menschen, die bereit seien, dafür einzustehen.
Beim Neuen Wehrdienst ist kein Zivildienst vorgesehen, da er freiwillig ist. Einen Ersatzdienst gibt es somit nicht. Doch selbst wenn eine Zivildienst-Option bestünde, wäre Toni Pitschmann dagegen. Die individuelle Lebensplanung dürfe nicht einfach unterbrochen werden, findet der Schüler. Er selbst möchte Lehrer werden und keine Zeit auf dem Weg zu diesem Ziel verlieren.
Hilfe in anderen Bereichen
Zudem weist Alexander Helle darauf hin, dass Deutschland im Ernstfall auch außerhalb des bewaffneten Militärdienstes unterstützt werden könne. „Es gibt im Krieg immer mehrere Fronten. Einmal die, an der gekämpft wird und dann eine im Inland.“ An dieser müsse etwa medizinische Hilfe geleistet oder die Zivilgesellschaft geschützt werden. Beim Blick auf den Berufswunsch von Toni Pitschmann hebt Helle auch den Schutz vor Falschinformationen hervor, gegen die bei Berichterstattungen vorgegangen werden müsse.
„Ich hoffe, dass es in unserem Deutschland einen Platz gibt, an dem du dieses Land und seine Werte mit verteidigen kannst. Wenn auch nicht ganz vorne, dann aber vielleicht in diesem Metier“, appelliert er an sein Gegenüber. Für Toni Pitschmann gehen diese Möglichkeiten allerdings wieder mit verlorener Zeit der Jugendlichen einher. „Wenn es mich jetzt treffen würde, würde mir für ein Jahr ein Strich durch meine Zukunftsplanung gemacht werden.“ Im Ernstfall wäre er im medizinischen Bereich wahrscheinlich nicht unglücklich.
Doch es gibt einige Momente, in denen sich die beiden mit Verständnis begegnen. Dass sich viele Jugendliche übergangen fühlen, kann Alexander Helle nachvollziehen. Pitschmann wiederum erkennt an, dass Verteidigung im Ernstfall notwendig sein kann. Die Bundeswehr habe ihre Berechtigung – solange sie der Verteidigung diene. Beide Gesprächspartner stimmen überein, dass die Pflicht nur dann Thema wäre, wenn sich zu wenige Freiwillige finden würden.
Helle berichtet, dass die Zahl der Freiwilligen momentan gut aussehe. Das bestätigt auch eine Sprecherin der Bundeswehr. Seit 2019 steigen die Zahlen der Freiwilligen kontinuierlich an. 2025 wurden rund 12.160 junge Männer und Frauen eingestellt. Für 2026 liegen noch keine genauen Zahlen vor.
Gründe für das neue Gesetz
Das Verteidigungsministerium begründet das Gesetz mit der „massiv verschärften Bedrohungslage in Europa“ infolge des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. Der Staat setzt momentan auf Freiwilligkeit.
Per Gesetz könnte der Bundestag eine Bedarfswehrpflicht beschließen, sobald sich die verteidigungspolitische Lage verschlechtert. Auch wenn die Bundeswehr zu wenig Personalzuwachs hat, kann eine Wehrpflicht eingeführt werden.