Folge 5 - Migration

Ankommen – damals und heute

1945 flieht Gisela Lukasczyk aus Schlesien, 70 Jahre später Aref Eisso aus Syrien. Beide kommen als Kinder nach Mitteldeutschland. Trotzdem blicken sie unterschiedlich auf Migration. Ein Gespräch über Flucht, Vorurteile und die Frage, was Heimat bedeutet.

Von Sophia Seifert, Anastasiia Hlushchenko und Lea Fischer

Niederschlesien, Januar 1945. In einer eisigen Winternacht bricht Gisela Lukasczyk mit ihrer Familie in Richtung Westen auf. Mit dabei: ihre beiden jüngeren Geschwister, ihre Mutter und ihre Großmutter. Für die Familie beginnt eine lange Flucht – und ein Abschied für immer, auch wenn die damals Achtjährige das noch nicht begreift.

Zeitsprung, 70 Jahre später: Auch Aref Eisso verlässt mit seiner Familie seine Heimat. Der damals Siebenjährige macht sich von Afrin in Syrien zu Fuß auf den Weg in Richtung Türkei, später nach Deutschland. Die Reise, die fast drei Monate dauert, endet schließlich in Halle.

Lukasczyk und Eisso wohnen heute beide in Sachsen-Anhalt. Im April 2026 sitzen sich die ehemalige Lehrerin aus Wittenberg und der 18-Jährige aus Halle, der gerade die Schule abgeschlossen hat, in den Redaktionsräumen der Mitteldeutschen Zeitung gegenüber. Was sie verbindet, sind ihre Erinnerungen an Flucht und Vertreibung. Was sie trennt, sind 70 Jahre, verschiedene Lebenswege und unterschiedliche Ansichten zum Thema Migration.

Zwei Sichtweisen

Kennengelernt haben sich die beiden im Gesprächsformat „Sag Du mal“ der 21 Nachwuchsjournalisten von Mitteldeutscher Zeitung und Volksstimme. Das Projekt bringt Menschen unterschiedlicher Generationen und Lebenswelten an einen Tisch. Eisso und Lukasczyk sprechen als zwei Menschen mit Fluchtgeschichte über das Ankommen in einer neuen Heimat, über Vorurteile und darüber, wie Flucht ein Leben prägt.

Sie haben Krieg und Entwurzelung zu unterschiedlichen Zeiten erlebt: Als Lukasczyk 1945 nach Sachsen-Anhalt kam, erreichten rund eine Million Vertriebene das Gebiet des heutigen Bundeslandes. Heute liegen die Zugangszahlen deutlich niedriger: Bis einschließlich April sind im laufenden Jahr 742 Flüchtlinge nach Sachsen-Anhalt gekommen. Nachdem die Zahl der Neuzugänge 2023 mit mehr als 9.000 ihren Höchststand seit 2016 erreicht hatte, ist sie seither kontinuierlich rückläufig (siehe Grafik).

Geteilte Ansichten zur Migration

Schnell wird klar: Zwischen den Generationen, aber auch zwischen Menschen mit ähnlichen Erfahrungen, verlaufen tiefe Meinungsgräben. Deutlich wird das bereits am Anfang der Diskussion. „Es kommen zu viele Migranten nach Deutschland“, sagt Lukasczyk. Die 88-Jährige sieht das so, obwohl sie gut mit den in der Nachbarschaft lebenden Flüchtlingen auskommt und Betroffenen selbst ehrenamtlich hilft.

Eisso widerspricht: „Ich finde nicht, dass es zu viele sind.“ Dass viele Flüchtlinge dringend benötigte Arbeitskräfte sind, darin stimmen beide überein. Doch während Lukasczyk vor allem die Belastung der Kommunen betont, spricht Eisso über Chancen. Sein Eindruck: „Viele Migranten, die hierherkommen, suchen wirklich nur nach Arbeit.“

Ankommen bleibt schwierig

Die unterschiedlichen Sichtweisen werfen ein Licht darauf, wie sie Flucht damals und heute erlebt haben. So schätzt Lukasczyk, dass Integration heutzutage leichter sei, als sie es vor 80 Jahren erlebte. Doch Eisso hält dagegen: Auch heute müssten Flüchtlinge viele Hürden überwinden. „Wenn ich nach zehn Jahren um meinen Aufenthaltstitel kämpfen muss“, betont der Jugendliche, dann fühle er sich nicht wohl in Deutschland.

Die Erfahrungen der beiden zeigen: Migration bedeutet damals wie heute nicht nur Ankommen in einer neuen Heimat. Dazu gehören auch Unsicherheit und Herausforderungen. Dass sich die Situation der Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg dennoch deutlich von heutiger Migration unterschied, erklärt der Berliner Historiker Michael Schwartz vom Institut für Zeitgeschichte.

Die ersten Flüchtlingswellen aus Schlesien und anderen ehemaligen deutschen Ostgebieten seien vor allem von Frauen, Kindern und älteren Menschen geprägt gewesen, erklärt Schwartz. Viele von ihnen kamen zunächst in ländliche Regionen und arbeiteten dort in der Landwirtschaft – oft ohne Erfahrung. Gleichzeitig fehlte es an allem: Wohnraum, Arbeit, Lebensmittel. Der Sozialstaat sei nach dem Krieg nahezu zusammengebrochen, sagt Schwartz. Auch die Integration verlief nicht konfliktfrei: Vertriebene seien im Alltag häufig ausgegrenzt worden. Vielerorts galten sie als Konkurrenz um knappe Güter.

Neue Heimat

Lukasczyk hat diese Ausgrenzung selbst erlebt – obwohl sie aus demselben Land einwanderte: „Wir sind ja von Deutschland nach Deutschland vertrieben worden“, betont sie. Trotzdem: Den Satz „An Deinem Namen sieht man doch, wo Du herkommst“, habe sie oft gehört. „Das kränkt.“

So sehr Eissos und Lukasczyks Meinungen auch auseinandergehen – fast ebenso viele Gemeinsamkeiten finden beide in ihrer Geschichte. Beide mussten sich mit lediglich den nötigsten Habseligkeiten auf den Weg ins Unbekannte machen. Trotzdem fanden sie Wege, Erinnerungsstücke mitzunehmen. Für Lukasczyk waren es Dirndl-Kleider für sich und ihre Schwester – ein Weihnachtsgeschenk ihrer Tante. „Wir haben die auch noch jahrelang angezogen.“

Diese Erzählung kann Eisso gut nachvollziehen: „Ich muss sagen, diese Geschichte erinnert mich sehr an meine“, sagt er. „Wirklich viel mitnehmen konnten wir nicht.“ In seinen Rucksack, den er auf den langen Fußmarsch in Richtung türkische Grenze mitnahm, passte lediglich Kleidung für wenige Tage. Und ein Mitbringsel: Spielkarten. „Die habe ich als Kind geliebt.“ Halle erreichte Eisso nach einer Reise von drei Monaten. Allerdings ohne seine Karten. „Die habe ich unterwegs verloren.“

Große Hürden im Alltag

Sie beide mussten sich in der neuen Heimat durchbeißen, um anzukommen. Welche Hürden Menschen mit Fluchtgeschichte dabei oft überwinden müssen, weiß Professorin Sevasti Trubeta, die an der Hochschule Magdeburg-Stendal zu den Themen Kindheit und Migration forscht. Ein zentrales Problem sei die fehlende Anerkennung von Bildungs- und Berufsabschlüssen: „Es ist für geflüchtete Menschen oft sehr schwierig, ihre im Ausland erworbenen Abschlüsse anerkennen zu lassen.“ Auch im Bildungsbereich sieht die Wissenschaftlerin Defizite. Besonders Kinder mit Fluchtgeschichte litten unter dem Lehrermangel. „Die Bedarfe von Kindern in dieser ersten Phase im Lande werden in dieser Hinsicht kaum gedeckt.“

Hinzu komme die Situation in Erstaufnahmeeinrichtungen: In Sachsen-Anhalt seien Kinder dort von der Schulpflicht ausgenommen. Gerade nach langen Fluchtwegen entstünden dadurch Bildungslücken. Im Kontakt mit Behörden machen Menschen mit Fluchtgeschichte noch dazu häufig Diskriminierungserfahrungen. Trubeta verweist auf eine Onlinebefragung unter Musliminnen und Muslimen: 80 Prozent der Befragten bekundeten darin Diskriminierungserfahrungen im Umgang mit Behörden. Dazu zählten Diskriminierung aufgrund der Herkunft, der Sprache, der Hautfarbe und der Nationalität.

Nach der Flucht

Aref Eisso erinnert sich, dass die größte Hürde in der ersten Zeit in Deutschland für ihn die Sprache war. „Du kannst dich nicht verständigen und fühlst dich ein bisschen ausgegrenzt“, beschreibt er seine Kindheitserfahrungen. Den ersten Monat habe er als den schwersten empfunden. Die Sprache zu lernen, habe alles bedeutet. Sich verständigen zu können, Freunde zu finden, sich zu integrieren. Und doch: „Es wird irgendwann besser.“ Ganz wichtig seien dabei für ihn seine Freunde gewesen, und seine Hobbys: Taekwondo und Boxen. „Da habe ich Freunde gefunden und gelernt, wie man die Sprache im Alltag nutzt.“

Trotz vieler Hürden – damals wie heute – haben Aref Eisso und Gisela Lukasczyk in Sachsen-Anhalt Fuß gefasst. Lukasczyk blickt auf eine lange Karriere als Lehrerin zurück und engagierte sich viele Jahre im Bund der Vertriebenen. „Man muss sich durchbeißen“, ist ihr Credo. Zeigen, dass man arbeiten kann und will, stets ihr Bestes geben. Eisso absolviert derzeit ein Freiwilliges Soziales Jahr beim Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt. Später möchte er eine Ausbildung in der Verwaltung machen.

Das Gespräch zwischen den beiden zeigt, wie unterschiedlich Flucht und Migration erlebt werden können – selbst von Menschen, die ähnliche Erfahrungen teilen. Es macht aber auch deutlich, welche Gemeinsamkeiten bleiben: die Erinnerung an Verlust, das Ringen um Anerkennung und der Wunsch, anzukommen. Von der älteren Generation wünscht sich Aref Eisso dabei vor allem eines: „Mehr Verständnis.“

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