Starke Frauen brauchen keinen Feminismus.“ Als der CDU-Landtagsabgeordnete Alexander Räuscher diesen Satz ausspricht, wird schnell deutlich, worum es in diesem Generationengespräch eigentlich geht. Die 24-jährige Journalistin Franceska Rein aus Potsdam schüttelt den Kopf. Für sie zeigen Femizide, ungleiche Bezahlung oder die Verteilung von Sorgearbeit (auch Care-Arbeit genannt), dass Gleichberechtigung zwar auf dem Papier existiert, im Alltag aber noch nicht vollständig angekommen ist. Wenige Augenblicke später diskutieren beide über Feminismus, gesellschaftliche Erwartungen und die Frage, ob Frauen tatsächlich dieselben Chancen haben wie Männer. Zwei Menschen, zwei Generationen – und sehr unterschiedliche Antworten auf dieselbe Frage: Braucht es den modernen Feminismus überhaupt noch?
Boomer versus Zoomer
Räuscher, 55 Jahre alt, ist in der DDR aufgewachsen. Für den Mann aus Osterwieck im Landkreis Harz gehörte es zum Alltag, dass Frauen arbeiteten, eigenes Geld verdienten und selbstverständlich Teil des Berufslebens waren. Rein dagegen ist mit Debatten über Care-Arbeit, Geschlechterrollen und gesellschaftliche Strukturen groß geworden. Sie beschäftigt sich beruflich und privat intensiv mit feministischen Themen.
Das Spannungsfeld ihrer Diskussion reicht deshalb weit über die Frage hinaus, ob gegendert werden sollte oder nicht. Dahinter steht ein grundlegender Unterschied in der Wahrnehmung: Während die ältere Generation häufig betont, wie viel bereits erreicht wurde, richtet die jüngere Generation den Blick stärker auf die noch bestehenden Ungleichheiten.
Zwischen Gesetz und Lebensrealität
„Die Jungen sehen überall Diskriminierung“: Immer wieder wird den jungen Generationen vorgeworfen, Probleme zu dramatisieren. Schließlich seien Frauen heute rechtlich gleichgestellt, könnten studieren, Karriere machen und ihr Leben frei gestalten. Auch Räuscher verweist auf diese Sichtweise. Wenn Frauen arbeiten, wählen und beruflich aufsteigen können, stelle sich für ihn die Frage, welche grundlegenden Benachteiligungen noch bestehen. „In Deutschland haben wir den Artikel 3 im Grundgesetz, der alle Menschen gleichstellt“, sagt er.
Junge Frauen erleben dagegen häufig, dass ihre Sorgen als übertrieben wahrgenommen werden. Themen wie sexuelle Belästigung, mentale Belastung in Beziehungen oder strukturelle Benachteiligungen – wie geschlechtsspezifische Unterschiede bei Gehältern – würden von älteren Generationen teilweise unterschätzt.
Rein beschreibt genau dieses Gefühl. Für sie endet Gleichstellung nicht bei gesetzlichen Regelungen. Entscheidend sei, wie Frauen ihren Alltag erleben – ob sie sich sicher fühlen, dieselben Chancen erhalten und gesellschaftliche Erwartungen tatsächlich frei von Geschlechterrollen sind. „Zwar gibt es in Deutschland kein Gesetz, welches Frauen diskriminiert, trotzdem gibt es Unterschiede. Gleiche Rechte bedeuten nicht, dass es keine strukturelle Diskriminierung von Frauen im Land gibt“, sagt die 24-Jährige kopfschüttelnd.
Eigentlicher Streitpunkt
Bemerkenswert ist, dass beide Gesprächspartner viele Ziele teilen. Weder Räuscher noch Rein sprechen sich gegen starke Frauen, faire Chancen oder partnerschaftliche Familienmodelle aus. Der Konflikt entsteht vielmehr bei der Frage, wie die aktuelle Situation bewertet wird.
Für Räuscher ist Gleichstellung vor allem eine Frage individueller Möglichkeiten. Wer heute seinen Lebensweg frei wählen könne, sei weitgehend gleichberechtigt. Für Rein reicht dieser Blick nicht aus. Sie argumentiert, dass gesellschaftliche Strukturen weiterhin Unterschiede erzeugen – etwa bei der Verteilung von Sorgearbeit oder bei der Sicherheit von Frauen im öffentlichen Raum.
Tatsächlich übernehmen Frauen in Deutschland noch immer einen deutlich größeren Anteil unbezahlter Sorgearbeit als Männer. Zudem arbeiten mehr als 40 Prozent der Frauen in Teilzeit, bei Männern liegt der Anteil deutlich niedriger. Als häufigste Gründe werden die Betreuung von Kindern oder die Pflege von Angehörigen genannt.
An mehreren Stellen reden beide dadurch aneinander vorbei. Während die eine Seite auf erreichte Fortschritte verweist, lenkt die andere den Blick auf noch bestehende Probleme.
Unterschiede in der Erziehung
Genau diesen Unterschied beobachtet auch Elisabeth Seyer, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Stendal. Immer wieder begegne sie älteren Frauen, die sagen: „Wir sind doch längst gleichgestellt.“ Die Erklärung dafür liegt nach ihrer Einschätzung auch in der DDR-Vergangenheit. Frauen seien selbstverständlich berufstätig gewesen, Kinderbetreuung habe flächendeckend zur Verfügung gestanden und eigenes Einkommen sei für Frauen normal gewesen. „Da ist auch ein gewisser Stolz dabei“, sagt Seyer.
Gleichzeitig verweist sie darauf, dass Gleichstellung damals nicht automatisch bedeutete, dass alle Unterschiede verschwanden. Führungspositionen seien überwiegend von Männern besetzt gewesen, zudem hätten Frauen weiterhin einen großen Teil der Familien- und Sorgearbeit übernommen.
Auch heute zeigen sich Unterschiede. Der unbereinigte Gender Pay Gap liegt laut Statistischem Bundesamt im gesamten Bundesgebiet bei 16 Prozent. Er beschreibt den durchschnittlichen Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern, ohne mögliche Einflussfaktoren herauszurechnen. Frauen verdienen durchschnittlich weiterhin weniger als Männer – auch wenn ein Teil dieser Differenz durch unterschiedliche Berufe, Arbeitszeiten und Erwerbsbiografien erklärt werden kann.
Was die Forschung sagt
Die unterschiedliche Sozialisation prägt den Blick bis heute. Seyer beobachtet noch einen weiteren Unterschied zwischen den Generationen: Junge Frauen würden heutzutage Grenzen häufiger klar benennen. Ältere Frauen hätten vielfach gelernt, bestimmte Bemerkungen oder Verhaltensweisen als normal hinzunehmen. Jüngere Generationen seien dagegen stärker für Themen wie sexuelle Belästigung oder Grenzüberschreitungen sensibilisiert.
Das habe auch mit gesellschaftlichen Entwicklungen zu tun. Schulen, Vereine, soziale Medien und Kampagnen wie „MeToo“ hätten dazu beigetragen, dass über solche Erfahrungen heute offener gesprochen werde, so die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Stendal.
Dialog statt Generationenkonflikt
Dass das Thema junge Frauen beschäftigt, zeigen auch aktuelle Zahlen. Nach Angaben des Bundeskriminalamts wird bundesweit nahezu jeden Tag eine Frau Opfer eines versuchten oder vollendeten Femizids. Die Zahl geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichteter Straftaten ist in den vergangenen Jahren sogar gestiegen.
Gleichzeitig warnt Seyer davor, Generationenkonflikte zu stark zu dramatisieren. Viele Unterschiede würden in Medien oder sozialen Netzwerken oft schärfer dargestellt, als sie im Alltag tatsächlich seien. „Es ist wichtig, dass solche Probleme angesprochen werden. Trotzdem braucht es immer wieder Gespräche und ein Verständnis untereinander“.
Erfahrungen prägen Ansichten
Die unterschiedlichen Ansichten entstehen nicht im luftleeren Raum. Räuscher wuchs mit dem Bild einer berufstätigen, selbstständigen Mutter auf. Seine Erfahrungen in einer Patchworkfamilie haben zudem dazu beigetragen, dass er klassische Familienmodelle heute differenzierter betrachtet als früher.
Rein wiederum beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit feministischen Fragestellungen. In ihrem Podcast spricht sie über Themen wie Care-Arbeit, Geschlechterrollen oder gesellschaftliche Erwartungen an Frauen. Viele ihrer Positionen speisen sich aus Erfahrungen ihrer eigenen Generation.
Beide argumentieren also nicht nur politisch oder theoretisch. Hinter ihren Ansichten stehen persönliche Lebensgeschichten und Erfahrungen. Am Ende des Gesprächs sind sich Franceska Rein und Alexander Räuscher in vielen Fragen weiterhin uneinig. Doch auf eine Frage geben beide dieselbe Antwort: Sie würden sich erneut auf ein solches Gespräch einlassen.