Folge 6 - Arbeit

Verwirklichen oder anpacken?

Zwei Menschen, unterschiedliche Berufswege: Selbständige sprechen über die Suche nach dem passenden Job, Krankentage und Selbstverwirklichung. Einblicke in die Debatte der sechsten Folge von „Sag Du mal! Generationen im Gespräch“.

Von Anne Holzki, Johanna Ahlsleben und Saskia Fischer

G eht es nach Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), müssten die Deutschen mehr arbeiten. Anfang des Jahres sagte er bei der Industrie- und Handelskammer in Halle: „Mit Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche lässt sich der Wohlstand unseres Landes, den wir heute haben, in Zukunft nicht erhalten.“ Firmenchefs und Wirtschaftsvertreter im Saal applaudierten. Arbeiten gehört für viele zum Leben dazu. Doch geht es dabei nur um den Lebensunterhalt – oder auch um Selbstverwirklichung? Während ältere Generationen oft sagen, die Jugend sei zu bequem, sehen viele Jüngere Arbeit nicht mehr nur als bloßen Broterwerb. Nach dem Motto: Ich arbeite, um zu leben – nicht andersherum.

Abbruch als Neuanfang

Robert Gryczke aus Magdeburg meint: „Wir müssen gesellschaftlich auch einfach akzeptieren können, dass Dayjob und Selbstverwirklichung nicht immer Hand in Hand gehen – da helfen auch Obstkorb und Betriebsausflug nicht.“ Sein Start ins Berufsleben verlief alles andere als leicht. Er begann eine Ausbildung zum Koch. In der Lehre ging es ihm psychisch immer schlechter. „Ich habe jeden Abend mit meiner Mutter telefoniert, habe geweint, habe gesagt ,Hey, noch so und so viele Tage, bevor ich dann durch bin mit der Lehre“, berichtet er. Schließlich brach er ab. Damit ist er kein Einzelfall. In Sachsen-Anhalt wird etwa jeder dritte Ausbildungsvertrag vorzeitig gelöst. Im Jahr 2024 waren es laut Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) 34,1 Prozent.

Olaf Lösche schüttelt leicht den Kopf. Für den 62-jährigen Malermeister wäre das nie infrage gekommen. „Wenn man kurz vorm Abschluss abbricht, verstehe ich das nicht“, sagt er. „Dann hat man doch wenigstens was in der Tasche.“ Lösche hat eine eigene Malerfirma in Wittenberg – zwischenzeitlich mit zwölf bis 14 Mitarbeitern. Auch Ausbildungsabbrüche kennt er aus seinem Berufsalltag. Gryczke und Lösche treffen in dem Format „Sag Du Mal“ aufeinander. 21 Nachwuchsjournalisten von Mitteldeutscher Zeitung und Volksstimme bringen dafür Menschen aus unterschiedlichen Generationen an einen Tisch.

Zwei Wege ins Berufsleben

In der sechsten Folge gibt Gryczke zu bedenken: „Als ich meinen Großeltern erzählt habe, dass ich meine Lehre abgebrochen habe, war die erste Frage ,Wie geht’s denn jetzt weiter? Nicht, dass du zuhause rumsitzt.’ Aber ganz ehrlich: Was wäre denn so schlimm gewesen? Worst case hätte ich eben mal ein halbes Jahr gechillt.“ Heute arbeitet Gryczke als freiberuflicher Redakteur und Autor. Er hat eine abgeschlossene Ausbildung im Einzelhandel, studiert Journalistik und war unter anderem in der Gastronomie, im Sicherheitsbereich und in der Versicherungsbranche tätig.

Während Gryczke seinen Berufsweg mehrfach neu ausrichtete, blieb Lösche seinem Handwerk über Jahrzehnte treu. „Malermeister zu werden, war schon immer mein Traum“, sagt er. Begeistert habe ihn der Beruf bereits früh durch Verwandte, die ebenfalls im Handwerk arbeiteten. „Und es macht mir bis heute Spaß.“

Vorurteile über Generationen

Trotzdem habe sich sein Blick auf Arbeit verändert. Früher seien lange Arbeitstage selbstverständlich gewesen. „Ich war oft vor 21 Uhr nicht zuhause“, berichtet Lösche. Inzwischen versuche er, bewusster Grenzen zu setzen. Besonders aus der Wirtschaft kommt immer wieder Kritik an jüngeren Beschäftigten: zu hohe Ansprüche, zu wenig Belastbarkeit. Gryczke kennt diese Vorurteile. „Viele wollen sich selbst verwirklichen und ärgern sich gleichzeitig, dass sie in irgendeinem Großraumbüro feststecken“, sagt er. Handwerk habe dagegen oft noch immer nicht das gesellschaftliche Ansehen, das es verdiene.

Lösche wiederum erlebt als Arbeitgeber, dass Eigeninitiative häufig fehle. „Man muss sich auch selbst kümmern, sich weiterbilden, Interesse zeigen“, sagt er. „Das kann nicht immer nur die Firma übernehmen.“ Trotzdem widerspricht er dem Bild der „faulen Jugend“. Seine eigene Tochter arbeitet heute ebenfalls im Malerhandwerk. Dass berufliche Wege nicht immer geradlinig verlaufen, kennt auch seine Familie. Denn ihr ursprünglicher Plan war ein Architekturstudium.

Arbeit oder Lebenszeit?

Arbeit als Lebensinhalt oder nur ein Teil davon? Die Unterschiede zeigen sich besonders beim Thema Arbeitszeit. „Für mich wäre Teilzeit nichts“, sagt Lösche. Jahrzehntelang arbeitet er oft bis spät abends, nimmt Büroarbeit mit nach Hause. Erst mit zunehmendem Alter zieht er die Reißleine. „Das geht körperlich einfach nicht mehr.“ Gryczke kennt den Druck ebenfalls – allerdings unter anderen Voraussetzungen. Als freiberuflicher Autor und Redakteur seien Arbeitszeiten oft schwer planbar. „Wenn ich Deadlines nicht einhalte, können andere nicht weiterarbeiten“, sagt er. „Aber gesund ist das eigentlich nicht.“

Für ihn steht dabei die Frage im Vordergrund, welchen Stellenwert Arbeit insgesamt haben sollte. „Ich glaube, viele Menschen wären mit weniger Geld und weniger Arbeitszeit eigentlich glücklicher“, sagt er. „Man muss für sich selbst ausloten, was man wirklich will.“ Nach Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) beteiligen sich junge Erwachsene heute sogar so stark am Arbeitsmarkt wie seit Jahrzehnten nicht. Gleichzeitig steigt jedoch der Wunsch nach flexibleren Arbeitszeiten und Teilzeitmodellen.

Der Arbeitspsychologe Hannes Zacher von der Universität Leipzig hält viele Generationendebatten deshalb für überzogen. Unterschiede zwischen Jung und Alt würden medial oft größer dargestellt, als sie tatsächlich seien. Viel entscheidender seien veränderte Rahmenbedingungen: Heute gebe es deutlich mehr Berufs- und Entwicklungsmöglichkeiten als noch vor einigen Jahrzehnten. „Dadurch stehen viel mehr Optionen zur Verfügung“, sagt Zacher. Das führe einerseits zu größerer Freiheit, andererseits aber auch zu Unsicherheit und Neuorientierung. Gerade jüngere Menschen versuchten häufiger herauszufinden, „was eigentlich gut zu ihnen passt“.

Belastbar oder überlastet?

Auch die häufige Behauptung, jüngere Beschäftigte seien weniger belastbar oder häufiger krank, hält der Arbeitspsychologe wissenschaftlich für nicht belegt. „Alle wissenschaftlichen Studien zeigen, dass da nichts dran ist“, sagt Zacher über das Klischee der angeblich arbeitsunwilligen Jugend. Ältere Menschen blickten häufig verklärt auf ihre eigene Vergangenheit zurück. Schon die alten Griechen hätten behauptet, die Jugend sei faul. Verändert habe sich allerdings der Umgang mit psychischer Belastung. Themen wie Depressionen, Stress oder Überforderung seien sichtbarer geworden als früher. Vor allem jüngere Beschäftigte sprechen heute offener über mentale Gesundheit. Das Robert Koch-Institut stellte 2024 fest, dass besonders Menschen zwischen 18 und 29 Jahren häufig unter psychischen Belastungen leiden.

Gleichzeitig habe sich die Arbeitswelt verändert: „Arbeit wird immer verdichteter, vernetzter und fluider“, sagt Zacher. Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit seien oft weniger klar. Das spiegelt sich auch in aktuellen Zahlen wider. Laut dem Psychreport der DAK-Gesundheit erreichten psychisch bedingte Fehltage 2023 einen Höchststand. Besonders Depressionen, Belastungsstörungen und Ängste nahmen deutlich zu. Ältere und jüngere Beschäftigte unterschieden sich laut Zacher in ihren Einstellungen zur Arbeit deutlich weniger, als häufig angenommen werde. „Es gibt in der jüngeren Generation genauso viele hochmotivierte Personen wie in der älteren“, sagt der Psychologe.

Was Arbeit leisten soll

Die Frage ist nicht unbedingt, ob Menschen heute mehr oder weniger arbeiten wollen. Sondern eher, welche Rolle Arbeit im eigenen Leben spielen soll. Denn Lösche und Gryczke trennen weniger die geleisteten Stunden als die Erfahrungen, mit denen sie auf Arbeit blicken. „Die Älteren brauchen die Jungen, die Jungen brauchen die Älteren“, sagt Zacher. Statt die Generationen gegeneinander auszuspielen, brauche es aus seiner Sicht mehr Austausch zwischen ihnen. Während die einen vor allem Sicherheit, Verantwortung und Verlässlichkeit betonen, sprechen andere stärker über Vereinbarkeit, Gesundheit und persönliche Entwicklung. Beide eint allerdings ein Gedanke: Dass Arbeit Menschen nicht kaputtmachen sollte.

Nach oben scrollen